Typisch deutsch?!

2018-09-04T11:20:05+00:0004. September 2018|

„Aber die Amerikaner sind doch so oberflächlich.“ Jedes Mal, wenn ich aus Los Angeles zurück nach Deutschland komme, höre ich diese Aussage.

Ist das so?

Klar, die Amis lächeln dich an, wenn sie dich sehen. Bist Du in einem Restaurant und jemand sitzt neben dir, dann lacht er, fragt dich, wie es dir geht, und -wenn es die Zeit erlaubt- hält er auch noch einen kleinen Small Talk. Das war´s. Das stimmt. Aber mal ehrlich: ich mag das. Ich erwarte auch keine tiefschürfenden Gespräche und schon gar keine innigen Freundschaftsbekundungen, wenn ich jemandem nur kurz begegne. Und: wie ist es in Deutschland? Bin ich in Deutschland in einem Restaurant, läuft das anders ab. Lächelnde Gesichter? Small talk? Mit Fremdem reden? Fehlanzeige. Und dieses Verhalten erlebe ich nicht nur in Restaurants. Beim Wandern, auf der Straße, in Geschäften: Die Amis lächeln und reden, die Deutschen wälzen Probleme und schweigen. Natürlich überziehe ich jetzt und male bewusst schwarz/weiß. Genauso schwarz/weiß wie die Aussage ist: Der Ami ist oberflächlich. Und wenn wir schon in diesem Bild bleiben, dann ist mir ein oberflächlicher Ami, der mich anlächelt und wieder vergisst, lieber, als ein tiefsinniger, trüb schauender Deutscher, der wegguckt, weil er mich nicht kennt.

Und wie ist das im Business?

Machen wir einen kurzen Ausflug in die Businesswelt. Wie ist es, wenn du in Deutschland einen Laden betrittst? Geht es Ihnen dann auch öfter so wie mir, dass du das Gefühl hast: Irgendwie störst du? Das du nicht wirklich wahrgenommen wirst, geschweige denn, dich willkommen fühlst? Das du mit den Standartfloskeln: „Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“ begrüßt und gleichzeitig „abgefertigt“ wirst? Wenn ja, wie zeitgemäß ist das? Alle reden von Industrie 4.0. Und wenn wir ehrlich sind, sind wir doch schon drin in dieser Zukunft 4.0. Jeder zweite Job soll wegfallen und/oder sich verändern. Porsche, Lufthansa, Nestle….jeden Tag lesen wir irgendwelche Meldungen, dass Unternehmen umstrukturieren, entlassen, neu einstellen und, und, und. Und was machen wir? Wir versuchen mitzuhalten und mit „Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“ unseren Job zu retten. Mal ehrlich: Das kriegt Pepper, der kleine süße Roboter, auch noch hin, oder? Und wenn wir Pech haben, sogar herzlicher als wir.

Doch es geht auch anders

Lassen Sie uns einen kurzen Schwenk zurück in die USA machen. Unser letztes Silvester haben wir in einer hippen Rooftop Bar in Los Angeles gefeiert. Jetzt im Sommer waren wir wieder da. Wir betraten das Restaurant und kurze Zeit später kommt die Restaurantchefin auf uns zu: „Welcome back. Schön, dass Ihr wieder da seid.“ Wums, da waren wir erst mal baff. Und nein, wir hatten uns Silvester nicht daneben benommen. Und nein, wir waren auch nicht die einzigen Gäste. Am nächsten Tag schlenderten wir die Melrose Avenue hinunter und gingen wie so oft bei Vivian Westwood in den Bekleidungsladen. Was sagte die Verkäuferin? „Hallo, welcome back. Ihr seid doch die beiden aus Deutschland.“ Da waren wir das zweite Mal baff. Das dritte Mal folgte dann zwei Tage später. Ich war bei einem Power-Plate-Kurs im Studio am trainieren, knickte um und zerrte mir den Fuß. Ich versicherte, dass mir nichts passiert sei und trainierte weiter. Zu Hause angekommen floppte eine Mail vom Studio auf. Ob es mir gut gehe. Und ich solle den Fuß doch bitte pflegen.

Es ist der UPP, der in Zukunft zählt

Egal ob die Restaurantleiterin, Verkäuferin oder Sportstudio: War das Verhalten jetzt wirklich oberflächlich?

Um das zu schaffen, musst du alles andere sein als oberflächlich. Nämlich persönlich. Du darfst deinen Job auch nicht nach Schema F abarbeiten, sondern musst individuell sein.
Die Zeiten, in denen sich Unternehmen darauf verlassen können, das sie alleine über ihr Produkt begeistern, sind vorbei. Der klassische USP ist tot. Was zählt ist der UPP, die Unique Personal Proposition. Es ist die Persönlichkeit, die es ausmacht. Und genau diese Persönlichkeit war es, die ich in den USA gespürt habe. Ich fühlte mich nicht als Nummer in einem Kaufprozess, ich fühlte mich wahrgenommen als Mensch. Ich kann mich heute noch an das Gesicht der Restaurantleiterin und der Verkäuferin erinnern. So wie sie sich an mich. An wie viele Verkäufer, bei denen Sie nur ein oder zweimal waren und nichts gekauft haben, erinnern Sie sich? Und genau das ist es, was wir in dieser Zukunft 4.0 hinkriegen müssen. Wir müssen es schaffen, nachhaltige persönliche Beziehungen zu schaffen. Und das schaffen wir nur, wenn wir uns als Persönlichkeit in den Ring werfen. Nicht irgendwelche Floskeln, nicht irgendwelche Berufsmasken und nicht irgendwelche Standartprozesse. Ich bin felsenfest davon überzeugt: Je technisierter und mechanisierter unsere Umwelt wird, umso wichtiger wird der Mensch – nicht als Schnittstelle für Informationen, sondern der Mensch als Schnittstelle für Emotionen.

Einfach mal loslassen…

Wir haben sicherlich viele „typisch deutschen“ Tugenden, die uns auszeichnen, aber gehören Kreativität, Flexibilität und Beziehungstuning wirklich dazu? Wir leben heute in einer globalisierten, vernetzen und digitalisierten Welt, in der sich die Sachen immer schneller verändern. Wenn wir nicht die Augen aufhalten, von alten Gewohnheiten und Vorurteilen ablassen und uns mitverändern, werden wir womöglich abgehängt. Wenn wir weiter mitspielen wollen, dann müssen wir uns auch an die neuen Spielregeln anpassen. Und genau da- in der Fähigkeit, uns schnell zu verändern, alte Dinge loszulassen und völlig Neues zu wagen- haben wir noch noch Nachholbedarf.
Aber es ist nie zu spät, damit anzufangen…..

zu den Bootcamps